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Zur Wiederentdeckung der antiken
Naturwissenschaften in der Renaissance (AS: 123)
Abgesehen vom kärglichen Rest antiker
Gelehrsamkeit, der sich in den späten Enzyklopädien des Cassiodor und
des Isidor ins Mittelalter hinein retten konnten, stand immerhin die
Naturalis historia des Plinius die ganze Zeit zur Verfügung;
von ihrer Verbreitung und Beliebtheit zeugen über 200 heute noch erhaltene
Handschriften aus dem 9.–15.Jh. Ab dem 12. Jh. finden auch Senecas
Naturales quaestiones eine respektable Verbreitung. Im
Spätmittelalter erweitert sich der Gesichtskreis durch die lateinische
Übersetzung griechischer Werke, die – zum Teil auf dem Umweg
über das Arabische – Eingang in den abendländischen
Kulturbereich fanden. Sie alle konnten aber die typische mittelalterliche
Geisteshaltung nicht ändern, getreulich alte Erkenntnisse abzuschreiben, zu
lehren und zu kommentieren, aber kaum je sie an den Phänomenen der Natur zu
überprüfen oder gar durch eigene Forschung zu
erweitern.
Die entscheidenden Impulse zur Neuorientierung der
Wissenschaft wurden erst dadurch gegeben, daß zum einen im Vorfeld der
Eroberung Byzanz (1453) Hunderte von griechischen Handschriften in den Westen
gerettet wurden und man zum anderen auch hier selbst mit ganz neuem Eifer in den
Klosterbibliotheken nach verschollenen Autoren zu suchen begann. Dem
neuerwachenden Interesse an der antiken Literatur kam nach der Mitte des 15.Jh.
die umwälzende technische Neuerfindung des Buchdrucks sehr zustatten, taten
sich doch nun ungeahnte Möglichkeiten der Verbreitung wiedergewonnener
Texte auf.
Somit standen Ende des 15./Anfang des 16.Jhs. alle
einschlägigen Werke der antiken Wissenschaften, soweit sie überhaupt
erhalten geblieben waren, einem größeren Leserkreis zur
Verfügung und boten vielfältige Anstöße zu neuen
Forschungen. So hatte sich Kolumbus für seine Entdeckerfahrten nach Amerika
nachweislich von antiken Erwägungen bei Aristoteles und Strabon über
die Möglichkeit, von Spanien auf dem Westweg nach Indien zu gelangen,
inspirieren lassen.
Ähnlich wie bei der Erweiterung des Erdbildes
gingen wenige Jahrzehnte nach Kolumbus auch bei der Konzipierung des neuen
Weltbildes entscheidende Impulse von der Antike aus. 1543 erschien das
Epochemachende Werk des Kopernikus De revolutionibus orbium
caelestium, welches das immer noch gültige ptolemäische
Weltbild überwand und das heliozentrische Weltbild begründete. Dabei
ist wenig bekannt, daß Kopernikus in seiner bereits 1530 abgefaßten
Praefatio an Papst Paul III. sich ausdrücklich auf Aristarch von Samos, den
antiken Begründer des heliozentrischen Weltbildes, beruft und die
einschlägigen Stellen bei Plutarch u.a. zitiert; die Hinweise des
Kopernikus sind dann leider in der erst später erfolgten Drucklegung einer
Kürzung zum Opfer gefallen.
Auch in der Biologie (Pflanzen- und Tierkunde) sowie
in der Physik (Atomlehre aufgegriffen von Leonardo da Vinci und später von
Galilei) ist antikes Wissen verwertet worden.
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